Sie war ein ängstliches Mädchen, das Wale retten wollte – heute jagt Jana Ringwald als Staatsanwältin professionelle Hacker.
Staatsanwältin über Gerechtigkeit und Cyberkriminalität
Foto: Andreas Reeg
Ihr Beruf spielt im Verborgenen. Jana Ringwald ist Cyberstaatsanwältin und jagt Kriminelle, die den Ermittlern immer einen Schritt voraus sind. Sie war beteiligt an einigen der spektakulärsten Erfolge der internationalen Cybercrimebekämpfung. Im Interview mit der Journalistin und IDEA-Kolumnistin Tabitha Bühne spricht sie über die Angst, die Falschen hinter Gitter zu bringen, die Kraft der Feindesliebe und über Gott als Retter und Richter.
IDEA: War Staatsanwältin Ihr Traumberuf ?
Ringwald: Nein, überhaupt nicht. Als Kind wollte ich Wale retten und war eher ein ängstliches Mädchen. Während des Studiums war das Strafrecht auch nicht mein Schwerpunkt. Staatsanwältin wurde ich, weil mir das Referendariat gefiel und ich mich dann bei der Justiz beworben habe. Was mir am Staatsdienst bis heute gefällt, ist, dass wir einzig dem Gesetz und der Wahrheit verpflichtet sind. Mein Mandant ist der Staat und damit die Menschen in diesem Staat. Die Staatsanwaltschaft gilt als die objektivste Behörde der Welt. Was uns auch verpflichtet, Ermittlungen einzustellen oder am Ende sogar einen Freispruch zu beantragen. Unsere Arbeit liegt über dem Interesse eines einzelnen Menschen.
IDEA: Welche Eigenschaften braucht man dafür – außer der Wahrheitsliebe?
Ringwald: Verfolgungseifer. Es sollte einen interessieren, Puzzlestücke zusammenzuführen, dranzubleiben und eine gewisse Frustrationsschwelle aushalten zu können.
IDEA: Hatten Sie nie Angst, jemanden ins Gefängnis zu bringen, der unschuldig ist?
Ringwald: Durchaus. Als junge Staatsanwältin hatte ich ein allgemeines Dezernat, wozu auch Tötungsdelikte gehörten. Eine ältere Dame, die von einem jungen Mann gepflegt wurde, zeigte ihn an. Er soll versucht haben, sie mit einem Kissen zu ersticken. Der Mann dementierte das, und es wirkte auch sehr plausibel. Wir haben ihn der Haftrichterin vorgeführt. Ich war sehr aufgeregt und hatte Angst, das Falsche zu beantragen. Die Haftrichterin gab mir mit einem Kopfschütteln das Signal, dass es ihr nicht ausreichte für eine Untersuchungshaft. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Das Unglaubliche war, dass er sich wenige Monate später selbst stellte. Er konnte nicht damit leben, dass es eben doch die Wahrheit war: Er hatte versucht, diese Frau umzubringen. Das ist ein außergewöhnlicher Fall. Dennoch war es richtig, ihn anfangs gehen zu lassen. Wir müssen es hinnehmen, wenn wir nicht genug Beweise haben, selbst wenn die Möglichkeit besteht, dass jemand die Tat doch begangen hat.
IDEA: Sie sind seit einigen Jahren Cyberstaatsanwältin und haben darüber ein Buch geschrieben. Was gehört in dieses Berufsfeld?
Ringwald: Grundsätzlich dasselbe, was andere Staatsanwälte auch machen: Straftaten verfolgen. Der große Unterschied ist, dass sich das bei uns komplett im Digitalen abspielt. Unsere Beweismittel sind Daten. Wir haben kein Tatmesser und selten mit Zeugen zu tun. Und die Täter, die wir jagen, halten sich oft in Ländern auf, die nicht mit uns kooperieren.
IDEA: Was ist für Sie ein Erfolg?
Ringwald: Wenn wir zum Beispiel eine große Darknet-Plattform oder ein Schadsoftware-Botnetz vom Netz nehmen. Ich durfte gegen die Betreiber von Wall Street Market ermitteln, das war ein führender internationaler Darknet-Marktplatz, vor allem für Drogen. Wir können jedes Jahr mindestens mit solch einem Erfolg aufwarten, und das ist auch notwendig, weil das Bedarfswesen ja hinterherkommt. Man nimmt einen Marktplatz vom Netz, und es entsteht sofort eine neue Struktur. Die Täter machen es immer ein bisschen anders. Wir werden Kriminalität nie beenden. Sie ist ein sozialer Umstand. Aber wir können uns ihr entgegenstellen und es ihr schwerer machen.
IDEA: Sie schreiben, dass es eine Veränderung gibt, die wir alle leisten müssen: die Anpassung an eine neue, digitale Welt. Wie kann das dem Einzelnen gelingen?
Ringwald: Was ich vielfach feststelle, ist, dass Menschen ihr Leben ins Digitale verlagert haben, sich aber nicht dementsprechend verhalten. Das neue Risiko ist heute eben nicht, dass es brennt, sondern dass Daten abhandenkommen, dass ich erpresst werde, dass etwas verschlüsselt wird und ich nicht mehr an mein Geld komme. Das heißt, ich muss mir vergegenwärtigen, wo ich Dinge habe, die mir wichtig sind – und gleichzeitig wissen, dass es keinen absoluten Schutz gibt. Es ist einfach ein Lebensrisiko, das es schon immer gab, nur in einer anderen Form.
IDEA: Was sollten wir zum eigenen Schutz unternehmen?
Ringwald: Ein bisschen Geld in die Hand nehmen für ein vernünftiges Virenprogramm. Auf jeden Fall eine Backup-Lösung, dass also die eigenen Daten noch einmal täglich woanders gespeichert werden. Und die Passwörter von Passwortmanagern erstellen lassen. Wo immer es geht, Mehr-Faktor-Authentifizierung. Die ist zwar lästig, aber wichtig und macht es den Tätern schwerer. Auf der Straße vertrauen sich die Menschen immer weniger. Aber im Netz vertrauen sie jedem, bis ins Absurde hinein. Auch intelligente Menschen tun das. Misstrauen ist im Netz der beste Freund.
„Wenn ich wissen will, was ich zu tun habe, schaue ich ins Gesetz und nicht in die Bibel. Aber Gott hilft.“
IDEA: Sie haben viele Straftäter überführt. Wie gehen Menschen mit ihrer Schuld um?
Ringwald: Ich würde unterscheiden zwischen den Tätern, die ihre Tat einräumen, und solchen, die sagen, das habe mit ihnen gar nichts zu tun. Ein Täter, der gesteht und eine glaubhafte Entschuldigung abgibt, ist nicht unbedingt der Regelfall – es kommt aber auch vor. Viele sagen sinngemäß: „Ja, das habe ich schon gemacht, aber es ging nicht anders“ oder „So schlimm ist es doch nicht“ oder „Dies und jenes wurde nicht beachtet.“ Ich erlebte aber auch einmal einen Fall, bei dem im Laufe des Verfahrens ein Straftäter seine Schuld entgegen dem Rat seines Verteidigers einräumte, sich bei uns allen entschuldigte und dann einen neuen Weg im Leben einschlug. Sein Auftritt im Gerichtssaal hat uns alle bewegt. Ich habe immer wieder in unserem System nach ihm gesucht: Er wurde nicht erneut straffällig.
IDEA: Was macht es mit Menschen, wenn sie ihre Schuld nicht eingestehen?
Ringwald: Wenn ein Mensch seine Schuld nicht anerkennen kann, wofür es viele Gründe geben kann, bedeutet es, dass er darin verharrt. Er überwindet sein Ego nicht und bleibt darin gefangen. Und davon hat er, glaube ich, wenig Vorteile.
IDEA: Es gibt immer einen Grund für eine Tat.
Ringwald: Wir nennen das: Motiv. Ich denke, hinter jeder Straftat, selbst hinter jedem kleinen Handlungsunrecht, liegt im Kern eine Not. Wir tun die Dinge nicht grundlos. Das heißt dennoch nicht, dass das in Ordnung ist. Wir stehen nicht zu unserer Tat, weil wir Angst vor Ablehnung haben. Wir haben Angst, dass unser Geständnis für uns zu einem Nachteil führt.
IDEA: Hat sich Ihr Menschenbild durch Ihren Beruf verändert?
Ringwald: Nein. In meinem Job schaue ich zwar auf Straftaten, aber für ein schlechtes Menschenbild oder gar Zynismus besteht kein Anlass. Ich glaube nicht, dass Straftäter „die anderen Menschen“ sind, sondern dass sie in ihrem Handlungsunrecht sehr weit gegangen sind. Letztlich kann man sagen, dass ein Straftäter ein Gescheiterter ist. Er hat keinen Weg gefunden, straffrei durch sein Leben zu gehen. Er hat es nur mit Gewalt, nur mit Betrug oder Ähnlichem geschafft. Das ist eigentlich ein Scheitern.
IDEA: Sie sind Staatsanwältin und überzeugte Christin. Sagen da nicht manche, die ist ja gar nicht objektiv?
Ringwald: Das hat mir so noch niemand gesagt, aber ich könnte verstehen, was gemeint wäre. Das Verhältnis zwischen dem Gesetz, dem ich mich verpflichtet habe, und dem Glauben wird am besten illustriert durch die Situation, die mich zur Staatsanwältin machte. Ich habe öffentlich einen Eid geleistet auf das Grundgesetz, auf die Landesverfassung, auf die Gesetze. Ich habe einen Eid geleistet, dass ich nur der Wahrheit und Gerechtigkeit diene, nach bestem Wissen und Gewissen, und dass ich ohne Ansehen der Person entscheide. So wahr mir Gott helfe! Das waren die letzten Worte meines Amtseids. Wenn ich wissen will, was ich zu tun habe, schaue ich ins Gesetz und nicht in die Bibel. Aber Gott hilft. Sein Beistand steht auch im Gesetz. Es gibt natürlich Atheisten, die sagen: „Ich lasse das ‚mit Gottes Hilfe‘ weg!“ Es gibt vitale Christen, die sagen: „Ich lasse es nicht weg!“ Und dann gibt es noch viele, die es hinnehmen, weil sie Gott lieber dabeihaben wollen, falls es ihn gibt.
IDEA: Welche Bedeutung hat ein Gericht bzw. ein Schuldspruch – für Opfer, Täter und die Gesellschaft?
Ringwald: Ein Erpressungsopfer hat vor Jahrzehnten gesagt: Dieser Schuldspruch hat die Tat der Erpresser aus der Gesellschaft ausgeschlossen und mich wieder in die Gesellschaft eingeschlossen. Dieser Mensch hat den Moment, als die Richter sich erhoben und das Urteil gesprochen wurde, wie eine Drehtür empfunden, die ihn zurückführte und die Tat ausschloss. Das ist ein sehr passendes Bild.
IDEA: Wie wichtig ist Vergebung für die Opfer und Täter?
Ringwald: Unendlich wichtig. Ich glaube, nur mit Vergebung wird man als Opfer frei. Aber Vergebung ist ein Geschenk. Der Täter sollte sich nicht entschuldigen, weil er hofft, ihm wird gleich vergeben. Sein Beitrag ist die Entschuldigung. Und die Vergebung ist der Beitrag der anderen Seite. Vergebung kann auch schon erfolgen, bevor ein Täter sich bekannt hat. Ich erlebe Vergebung als die Überwindung des eigenen Egos. Ich glaube, wir Menschen können das gar nicht allein. Dafür brauchen wir Hilfe. So eine Hilfe kann man aus dem Glauben ziehen. Unser Ego, unsere inneren Anteile sagen: „Was hat dieser Mensch mir angetan? Im Leben werde ich dem nicht vergeben!“ Das ist menschlich nachvollziehbar. Feindesliebe ist nach meinem Empfinden das Krasseste, was Jesus vorgeschlagen hat. Da kommt ja kein Mensch drauf, für seine Feinde zu beten. Sie nicht nur anzuerkennen, nach dem Motto: „Dass der lebt, ist in Ordnung.“ Nein, ich soll diesen Menschen lieben. Das ist für uns Menschen erst einmal viel zu extrem.
IDEA: Wann haben Sie Vergebung gelernt?
Ringwald: Ich habe es erlebt, dass ich mit manchen Situationen im Leben nicht zurande kam. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass ich mit einer Person so schlecht zurechtkam, dass mir nichts anderes mehr einfiel, als für diese Person zu beten. Es ist unfassbar, was dann passiert ist, in mir selbst, aber auch in der Beziehung zu dieser Person. Ich habe nicht nur ertragen, dass es sie gibt. Ich habe auf einmal angefangen, sie zu mögen. Das habe ich als ein Wunder erlebt. Feindesliebe ist unser Auftrag – aber wir denken zuerst: Wieso soll ich denn für diese Person beten? Wahrscheinlich, weil es kein anderer tut. Feindesliebe hat eine unglaubliche Kraft. Jesus hat da nicht übertrieben.
IDEA: Wie denken Sie über Gott als Richter?
Ringwald: Ich glaube, ich werde eines Tages vor ihm stehen und mit ihm über mein Leben reden. Und ehrlich gesagt, macht mir dieser Gedanke keine Angst, sondern hilft mir, mir Mühe zu geben, bodenständig und demütig zu bleiben. Weil Gott sowieso um alles weiß, braucht es kein Versteckspiel. Aber mein Vertrauen speist sich weniger aus diesem Gedanken, sondern mehr aus dem Wissen um seinen gnädigen Blick. Dort, wo die Brüche meines Lebens offenbar werden, schaut er nach meiner Erfahrung liebevoll hin, wenn ich ihm vertraue. Ein solcher gerechter und gnädiger Richter ist kein Problem für uns Menschen, sondern unsere größte Chance.
IDEA: Auf welche Art kamen Sie zu Ihrem Glauben?
Ringwald: Ich wurde evangelisch getauft und bin in einer sehr katholischen Gegend groß geworden. Deswegen hat die Kirche immer eine Rolle gespielt, ohne dass meine Familie besonders christlich gewesen wäre. Die erste Begegnung mit Jesus war ein toller Kindergottesdienst. Geleitet wurde er von einer Pfarrerin, die uns einfach alles von ihm erzählt hat. Aber dennoch hat es viele Jahre gedauert, bis ich wirklich zum Glauben fand. Ich war der Sache so nah und doch so fern. Ich habe viel Gutes im Namen der Kirche erlebt und keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber ich konnte die Frage, ob es einen Gott gibt, einfach nicht beantworten und habe deshalb Jahre später auch den Weg aus der Kirche gewählt. Und kurz danach ist Gott in mein Leben getreten.
IDEA: Was ist geschehen?
Ringwald: Ich war in einer Lebensphase, in der von außen alles spitze aussah. Aber ich war tief in meinen inneren Verliesen gefangen. Und wenn man dort angekommen ist, kommt da kein anderer Mensch hin. Egal, wie sehr man von anderen geliebt wird. Als ich dort doch besucht wurde, habe verstanden: Der Einzige, der mich hier besuchen kann, ist Gott. Sein Weg zu mir war individuell auf mein Leben angepasst. Die Geschichte hätte ich mir nicht ausdenken können. Keiner – außer ihm – wusste von meiner Sehnsucht. Und die wurde so konkret erfüllt, dass ich mich absolut erkannt fühlte. Diese Begegnung trägt mich bis heute.
IDEA: Vielen Dank für das Gespräch.
Jana Ringwald ist Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Mit ihrem Team ermittelt sie im Falle von Cyberattacken gegen deutsche Unternehmen und stellte illegal erlangte Kryptowährungen in dreistelliger Millionenhöhe sicher.
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