In Politik und Gesellschaft braucht es eine neue Fehlerkultur: Dafür plädiert David Dekorsi in seiner Kolumne.
Was darf ein Fehler kosten?
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Wenn ein Politiker während eines Stromausfalls Sport treibt und das bewusst verschweigt, sind Empörung und Verurteilung sicher. Doch die entscheidende Frage lautet nicht: War dieses Verhalten in Ordnung?, sondern: Was sagt unser Umgang damit über uns als Gesellschaft aus? Wir leben in einer Kultur der Unfehlbarkeit, Null-Toleranz gegenüber Fehltritten. Wer öffentlich stolpert, soll nicht erklären, was er daraus gelernt hat, sondern ob er noch tragbar ist. Rücktritt statt Reflexion.
Wer den Rücktritt nach dieser Lüge fordert, bevor das Gespräch beginnt, will keine Aufarbeitung, sondern eine Abrechnung. Schuldzuweisung ersetzt die ehrliche Auseinandersetzung über Verantwortung. Fehler werden nicht aufgearbeitet, sondern politisch verwertet und ausgeschlachtet. Ein Fehler bedeutet manchmal den politischen Tod. Doch eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, gerade dann, wenn etwas schiefläuft. Das ist verantwortungsvolle Führung. Alles andere verhindert Fortschritt.
Reue und Verzeihen
Wir brauchen eine neue Fehlerkultur. Eine, die Fehler nicht verharmlost, aber Raum für tätige Reue lässt. Verantwortung darf keine Einbahnstraße sein, sie braucht die Möglichkeit zur Vergebung. Das ist keine Schwäche, sondern Stärke: Wer ehrlich um Entschuldigung bittet und daraus Konsequenzen zieht, verdient eine zweite Chance. Nur wer Fehler eingestehen kann, wächst an ihnen. Nur wer verzeiht, hilft anderen aufzustehen. Und was wir nie vergessen sollten: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (vgl. Johannes 8,7).
Fehler sind keine Schlussstriche. Sie sind Weggabelungen – hin zu mehr Demut, zu mehr Reife und zu tieferem Verantwortungsbewusstsein. Eine reife Gesellschaft erkennt das – und verlernt das Vergeben nicht.



