To-do-Listen sind eine Parallelwelt

Zeitmangel, Dauerstress und endlose Sitzungen gehören für viele Leiter zum Alltag – in Unternehmen wie in Gemeinden. IDEA-Leiterin Daniela Städter hat mit André Häusling über Selbstführung, Prioritäten, das „Nein“-Sagen und die Frage, was Führungskräfte heute von Jesus lernen können, gesprochen.

Foto: Marc Thürbach

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Mit freundlicher Unterstützung durch die Evangelische Nachrichtenagentur

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IDEA: Führungskräfte und Gemeindeleiter wissen oft nicht, wo ihnen der Kopf steht: Zeitmangel, Prioritätenchaos, Dauerstress. Ihr Tipp an gestresste Leiter?

Häusling: Immer wieder Zeit für sich selbst einplanen und für sich persönlich Klarheit gewinnen. Nur dann können wir in dieser turbulenten Welt anderen Orientierung geben.

IDEA: Sie sagen: Wer sich selbst gut führen will, muss die eigenen Werte kennen. Was sind Ihre Werte?

Häusling: Ich beschränke mich mal auf fünf:

  1. Teamgeist: Ich bin fest davon überzeugt, dass ich alles, was ich anpacke, nur im Team schaffen kann.
  2. Pioniergeist: Ich will Dinge immer wieder neu denken. Vieles funktioniert nicht mehr so, wie es bisher funktioniert hat.
  3. Integrität: Ich mag es nicht, zu tricksen oder ausgetrickst zu werden. Dadurch entsteht auch Glaubwürdigkeit und Authentizität.
  4. Leistungs- und Ergebnisorientierung: Ich mag kein „Rumhängen“. Ich möchte etwas bewirken und nicht nur in der Hängematte liegen.
  5. Sinnhaftigkeit: Dinge, die keinem etwas bringen, lasse ich weg. Da bin ich auch in der Kommunikation sehr klar und ziehe mich zurück.

 

IDEA: Wo geht im Gemeindealltag die meiste Energie verloren?

Häusling: Bei schlecht organisierter Zusammenarbeit. Sie ist oft extrem zeitaufwendig und ineffizient. Es kostet alle Beteiligten viel Kraft, wenn Sitzungen zu lange dauern, Leute viel zu viel reden und nicht auf den Punkt kommen oder wenn man Sachen hinterherrennen muss. Da unterscheide ich aber nicht zwischen Wirtschaftswelt und Gemeinde, zwischen Kunde und Reich Gottes. Das hat etwas mit dem eigenen Anspruch zu tun.

In Gemeinden haben wir zudem oft eine hohe Beziehungsorientierung. Wenn diese über der Ergebnisorientierung steht, drehen wir uns viel zu stark um uns selbst. Dadurch verlieren wir Kraft. Und dann geht es nicht mehr um die Wirkung und unseren Nutzen für andere Menschen.

IDEA: Führen Christen sich selbst besser als Nichtchristen?

Häusling: Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Mein Eindruck: Gläubige haben einen großen Vorteil. Sie haben jemanden, zu dem sie schreien können, wenn es schlechtläuft. Aber rein methodisch betrachtet, gibt es keinen Unterschied, sondern es hat eher etwas mit dem persönlichen Wertesystem der Menschen zu tun: Wie diszipliniert bin ich? Wie gut bekomme ich mich geregelt? Aber je länger ich drüber nachdenke: Vielleicht haben die Christen doch einen anderen Zugang zu sich selbst, weil sie sich häufiger zurückziehen und beten.

IDEA: Was können Christen beim Thema Führung von Jesus lernen?

Häusling: Vieles! Das habe ich erst heute Morgen wieder in der Bibel gelesen – in Matthäus 5. Da heißt es, dass es draußen noch dunkel war und Jesus sich erst einmal zurückzog. Wenn zu viele Leute um ihn herum waren, dann hat er sich auch an einen stillen Ort begeben. Jesus suchte immer wieder die Verbindung zu seinem Vater. Wir sollten uns selbst und Gott regelmäßig fragen: Was ist mein Auftrag? Wozu bin ich da? Dadurch tanken wir Kraft und Energie. Wir lassen uns so vom Geist Gottes leiten und können dann auch wieder anderen gestärkt dienen.

© Foto: Marc Thürbach

IDEA: Folgende Situation: Der Arbeitstag beginnt. Es gibt eine Sache, die ich mir für diesen Tag unbedingt vorgenommen habe. Es kommt viel dazwischen, und genau diese Sache ist abends nicht erledigt. Ihr Tipp: Wie lässt sich so etwas verhindern?

Häusling: Ich muss mir für die wichtigen Dinge auch konsequent Zeit im Kalender reservieren. Ich bekomme es nur geregelt, wenn ich das höher priorisiere als die anderen Sachen, die dazwischenkommen. Das heißt: Ich muss lernen, „Nein“ zu sagen und Grenzen zu setzen. Sonst wird das nichts.

IDEA: Andere haben Listen, was sie machen wollen – also To-do-Listen. Sie raten zu Not-to-do-Listen, also zu formulieren, was man zukünftig weglassen will.

Häusling: Wir leben in einer Zeit, wo es immer um höher, schneller, weiter geht. Viele haben To-do-Listen und machen immer mehr. Dabei ist es wesentlich hilfreicher, sich zu fokussieren und Dinge wegzulassen. Das ist wie einen Baum zu beschneiden, um wieder auf das Wesentliche schauen zu können. Es gibt also nur eine wichtige Liste – und auf der steht, was demnächst nicht mehr gemacht wird.

IDEA: Was haben Sie gegen To-do-Listen?

Häusling: Es ist eine Parallelwelt. Wir haben alle Kalender mit Terminen. Bei Ihnen steht heute zum Beispiel: „Interview mit Häusling“ drin, und am Montag müssen Sie ein Magazin in den Druck geben. Wenn Sie dann parallel To-do-Listen führen, schauen Sie abends frustriert darauf. Sie waren den ganzen Tag in Terminen, und Ihre Liste ist natürlich nicht kleiner geworden. Statt auf irgendwelche Listen gehören deswegen alle Aufgaben immer in den Kalender. Wir brauchen die Verknüpfung zwischen Zeit und Aufgabe.

IDEA: Auf Ihrer Firmen-Webseite heißt es, Sie denken Zusammenarbeit neu. Was machen Sie anders?

Häusling: Die Werkzeuge von früher passen nicht mehr in unsere komplexe Welt von heute. Langfristige Fünfjahrespläne oder feste Rollen über viele Jahre entsprechen heute oft nicht mehr der Lebenswirklichkeit vieler Menschen. Darum müssen wir Zusammenarbeit neu denken: mit anderen Prozessen, flexibleren Strukturen und einer Führung, die schneller Orientierung gibt und Entscheidungen trifft.

IDEA: Wie können Chefs ihre Mitarbeiter motivieren?

Häusling: Indem sie ihnen gute Gründe geben, warum ihr Einsatz wichtig ist. Diese Gründe dürfen nicht abstrakt sein, sondern müssen eine emotionale Verbindung schaffen und erlebbar machen, dass ihr Beitrag Wirkung hat. Entscheidend ist dabei Resonanz: Die Mitarbeiter müssen eine Rückmeldung erhalten, was ihr Einsatz bewirkt hat. Wenn Menschen sehen, dass ihr Tun einen Unterschied macht, entsteht Motivation.

Genau das habe ich zum Beispiel als Jugendlicher stark im Ehrenamt und in Gemeinden erlebt – Jugendstundenleiter, Moderationen, Musik auf der Bühne. Dort bekommt man unmittelbare Rückmeldung zu dem, was man einbringt. Im Beruf fehlt diese Resonanz leider oft, weil viele nur einen kleinen Teilprozess verantworten und den Gesamteffekt ihrer Arbeit nicht sehen. Deshalb ist es mir wichtig, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen und Wertschätzung sowie Rückmeldungen bewusst zu fördern.

 

Wenn Menschen sehen, dass ihr Tun einen Unterschied macht, entsteht Motivation. – André Häusling

 

IDEA: Was bringt eine Gemeinde oder ein Unternehmen voran?

Häusling: Es gibt vier Treiber:

  • Effektivität: Tun wir die richtigen Dinge – gerade bei begrenzten Ressourcen und begrenzter Zeit?
  • Effizienz: Wenn wir das Richtige tun: Wie tun wir es möglichst wirksam und gut?
  • Resilienz: Wie gut gehen wir mit Störungen und Veränderungen um – personell, finanziell, strukturell?
  • Innovation: Sind wir bereit, neue Wege auszuprobieren, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein?

IDEA: Das heißt konkret?

Häusling: Ich habe etwa mit einer Kirchengemeinde einen Zukunftsprozess gestaltet. Ausgehend von einem städtischen Entwicklungsplan fragte sich die Gemeinde: Welche Rolle wollen wir als Gemeinde im Jahr 2030 in dieser Stadt spielen? Daraus entstanden konkrete Experimente: ein Reparatur-Café, Kochkurse und weitere Angebote, die Brücken zu Menschen bauen, die sonntags nicht in den Gottesdienst kommen. Ziel war, neue Verbindungen zwischen Stadt und Gemeinde zu schaffen. Entscheidend ist, die individuellen Stärken, die in einer Gemeinde vorhanden sind, zu nutzen.

IDEA: Sie sagen, 2026 wird das „Jahr des Machens“. Können Sie drei Themen nennen, die für die Entwicklung von Mitarbeitern in Gemeinden in diesem Jahr wichtig werden?

Häusling: Erstens: Klarheit und Orientierung schaffen. Inmitten vieler Einflüsse wird es immer schwieriger, zu erkennen, wohin es geht. Mitarbeitern für die nächsten Monate eine klare Richtung zu geben, schafft Mut zur Umsetzung.

Zweitens: gezielte Verantwortungsübernahme ermöglichen. Dazu gehört Befähigung: fragen, was Mitarbeiter brauchen, um ihre Rolle gut auszufüllen, und Verantwortung bewusst verteilen. Einzelne dürfen nicht zum Flaschenhals werden – das schadet Menschen und Gemeinde.

Drittens: Wertschätzung leben. Erfolge wahrnehmen, Danke sagen, Rückmeldung geben – gerade weil so viele freiwillig mitarbeiten. Wertschätzung motiviert und unterscheidet Gemeinden deutlich von der Arbeitswelt.

IDEA: Welche Bedeutung hat für Sie der Glaube im Alltag?

Häusling: Er hat seinen festen Platz. Die erste Stunde des Tages verbringe ich bewusst allein mit Gott: im Gebet, beim Tagebuchschreiben und in der Stille. Diese Zeit brauche ich, um innerlich sortiert zu sein. Mein Leben und mein Arbeitsalltag sind schnell und vielfältig; ohne diesen Rückzug fehlt mir die Grundlage, um für andere da zu sein.

Auch unternehmerisch prägt der Glaube mein Handeln. Nicht alle Mitarbeiter sind Christen, aber wir versuchen, ein Wertesystem zu leben, das stark vom dienenden Denken geprägt ist: Wir arbeiten nicht zuerst für uns, sondern für die Menschen, denen wir dienen. Das zeigt sich in unserer Haltung gegenüber Kunden, in unserer Zusammenarbeit im Team und auch darin, dass wir als Unternehmen spenden, uns ehrenamtlich engagieren und zusätzlich mit „Pioneers & Friends“ eine eigene Initiative gegründet haben, die gemeinnützige und sozialwirtschaftliche Organisationen ehrenamtlich berät.

 

Wir arbeiten nicht zuerst für uns, sondern für die Menschen, denen wir dienen. – André Häusling

 

IDEA: Ich habe Ihr Buch „Radical Self-Leadership“ und Ihre LinkedIn-Beiträge gelesen. Der christliche Glaube spielt da keine Rolle – kein Vergleich zu unserem Gespräch.

Häusling: Spannende Rückmeldung! Das ist keine bewusste Entscheidung, deswegen ja jetzt auch das IDEA-Interview oder in wenigen Tagen mein Vortrag bei „Willow Creek“ – natürlich werde ich darüber dann mit dem christlichen Glauben verbunden. Aber auf LinkedIn? Da muss ich noch mal drüber nachdenken. Oder haben Sie einen Vorschlag?

IDEA: Ein Beispiel: Sie hatten auf LinkedIn über den Willow-Kongress, wo Sie am 13. Februar sprechen werden, Folgendes geschrieben: „Ich darf bald in der Dortmunder Westfalenhalle auf einem Leadership-Kongress eine Keynote … halten.“ Da ahnt niemand, dass es ein christlicher Kongress ist.

Häusling: Stimmt. In dem Moment habe ich es weggelassen, weil der Fokus dieses Beitrags auf etwas anderem lag und mir das sonst den Rahmen gesprengt hätte. Ich nehme das als Feedback gerne mit.

IDEA: In Ihrem Buch listen Sie als konkretes Beispiel für Morgenrituale in der Selbstführung „Meditation und Achtsamkeitsübungen“ auf. Warum nicht „Gebet“ als Morgenritual?

Häusling: Das ist total interessant. Wenn ich Vorträge auf Wirtschaftskonferenzen halte, erzähle ich immer, dass ich morgens die Bibel lese und bete. Ich mache da überhaupt kein Geheimnis draus. Aber es stimmt, im Buch steht es nicht drin.

IDEA: Vielleicht eine Anregung für die nächste Auflage …

Häusling: Ja, da könnte ich auf jeden Fall noch nachschärfen und klarer auftreten.

IDEA: Ihr Unternehmen heißt „HR Pioneers“. Was bedeutet der Begriff „Pionier“ für Sie persönlich?

Häusling: Für mich bedeutet Pionier, Dinge immer wieder neu zu denken, andere Wege auszuprobieren und kontinuierlich dazuzulernen. Dazu gehört auch, dass nicht alles gelingt. Scheitern ist kein Makel, sondern Teil des Lernprozesses – im Sinne von „gescheiter werden“. Pionier zu sein, ist keine leichte Aufgabe.

IDEA: Aus Ihrem Buch habe ich in dem Zusammenhang den Satz mitgenommen: „Rückschläge sind Lernchancen statt ein Zeichen des Scheiterns.“

Häusling: Genau so ist es! Deswegen mag ich auch den folgenden Satz sehr: „Sometimes you win, sometimes you learn“ – „Manchmal gewinnst du, manchmal lernst du dazu.“

IDEA: Wunderbares Schlusswort – vielen Dank für das Gespräch.

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