Die Reformation förderte Europas Wirtschaft nachhaltig

Die Reformation gilt als „die Spaltung der Kirche“. Eine Studie belegt, dass noch viel mehr dahinter steht, denn die Wirtschaft kann nachhaltig von ihr profitieren. Wie genau, erfährst Du in diesem Artikel.

Foto: picture alliance/Prisma Archivo

Mit freundlicher Unterstützung durch die Evangelische Nachrichtenagentur

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Die Reformation hat das Wirtschaftswachstum in Europa nachhaltig gefördert – vor allem durch Martin Luthers (1483–1546) Forderung, dass jeder Christ die Bibel selbst lesen können solle. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Ökonomen Sascha Becker, Jared Rubin und Ludger Wößmann. Deren Kernthesen veröffentlichte die „Rockwool Foundation Berlin“ am 20. Mai. Die Autoren werten darin Forschungsergebnisse aus mehreren Jahrhunderten und Kontinenten aus und kritisieren, dass die klassische Wachstumsforschung den Einfluss von Religion bislang weitgehend ignoriert habe.

Dabei seien etwa in protestantischen Gebieten Preußens als Folge von Luthers Forderung flächendeckend Schulen für Jungen und Mädchen errichtet worden, heißt es. Im 19. Jahrhundert hätten protestantische Regionen Preußens daher deutlich höhere Alphabetisierungsraten aufgewiesen als katholische. Dieser Bildungsvorsprung erkläre weitgehend den wirtschaftlichen Vorsprung der Protestanten, den der Soziologe Max Weber (1864–1920) auf eine „protestantische Arbeitsethik“ zurückgeführt habe. Die Forscher weisen in dem Zusammenhang auch auf den Einfluss christlicher Missionare hin, die weltweit Schulen gründeten: Afrikanische Regionen mit protestantischer Missionstätigkeit wiesen bis heute ein besseres Bildungsniveau und höhere Alphabetisierungsraten auf.

Religion kann das Wachstum auch hemmen

Zugleich räumten die Wissenschaftler ein, dass religiöse Bildung wirtschaftlich nützliches Wissen auch verdrängen könne. So sei nach dem 11. Jahrhundert in der islamischen Welt mit der zunehmenden Verbreitung von Koranschulen die Zahl wissenschaftlicher Werke gegenüber religiösen Texten stark zurückgegangen. Das Osmanische Reich habe den Buchdruck in arabischer Schrift ab dem 15. Jahrhundert 250 Jahre lang verboten, weil dieser das geistige Monopol der religiösen Führer bedroht habe. Mittelalterliche Klöster vor der Reformation hätten zwar antikes Wissen bewahrt, die Alphabetisierung aber selten über den Klerus hinausgetragen. Das ultraorthodoxe Judentum wiederum schaffe durch umfangreiche religiöse Bildung starke innergemeinschaftliche Bindungen, allerdings auf Kosten geringerer Einkommen.

Toleranz förderte Innovationen

Überdies hat religiöse Toleranz den Ökonomen zufolge Innovationen gefördert: So seien im späten 19. Jahrhundert in preußischen Städten mit größerer religiöser Vielfalt mehr Patente pro Kopf angemeldet worden als andernorts. Zurückzuführen sei das unter anderem auf die Einwanderung französischer Hugenotten. Bei ihrer Flucht aufgrund ihres Glaubens brachten sie im 17. Jahrhundert fortschrittliche Textiltechniken mit. Religiöse Verfolgung dagegen habe den gegenteiligen Effekt – das zeige sich etwa durch den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten.

Religion beeinflusste Bevölkerungsentwicklung

Religiöse Lehren prägen zudem die demografische Entwicklung, wie die Autoren weiter schreiben. Im Preußen des 19. Jahrhunderts hätten protestantische Landkreise niedrigere Geburtenraten aufgewiesen als katholische. Evangelischen Eltern war demnach die Bildung ihrer Kinder wichtiger als deren Zahl. Noch deutlicher habe sich das in Frankreich gezeigt: Die frühe Säkularisierung des Landes habe dort bereits im 18. Jahrhundert zum weltweit ersten dauerhaften Sinken der Geburtenraten geführt.

Bedeutung der Religion nicht unterschätzen

„Die Botschaft ist ebenso einfach wie unbequem für ein immer weniger religiöses Europa: Wer Religion für einen Randfaktor hält, übersieht einen Teil der Tiefenstruktur unserer Gesellschaften“, fasst Projektleiter Becker die Ergebnisse der Untersuchung in einer Mitteilung des Instituts zusammen. Selbst in Gesellschaften, die Religion gern für überholt halten, wirke sie weiter – leise, verborgen und oft gerade dort, wo man sie am wenigsten vermute, so die Autoren der Studie. Der europäische Kontinent verstehe sich gern als modern, aufgeklärt und zunehmend postreligiös. Doch seine Feiertage, seine Wirtschaftsordnung, seine Bildungslandschaften, sein Vereinswesen und selbst seine Vorstellungen von Arbeit, Armenfürsorge und sozialer Verantwortung seien historisch ohne Religion kaum zu begreifen. In einer Zeit, in der Europa über Wachstumsschwäche, Fachkräftemangel, Bildungsdefizite und gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutiere, lohne es sich, die religiöse Dimension nicht als Folklore abzutun.

Die „Rockwool Foundation Berlin – Institut für die Wirtschaft und die Zukunft der Arbeit“ untersucht nach eigenen Angaben Fragen für Wirtschaft, Gesellschaft und den Sozialstaat. Sie wird finanziert von der „Rockwool Foundation“ in Kopenhagen, einer 1981 gegründeten gemeinnützigen Stiftung, die Forschung zum Wohl der Gesellschaft fördert.

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