Führung in Krisen: Wenn das Schweigen laut wird

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, sagt ein Sprichwort. Gilt dies auch im Führungsalltag? In diesem Artikel erfährst Du, wann Schweigen sinnvoll und wann schädlich sein kann.

Foto: KCF/Licht & Salz

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, sagt ein Sprichwort. Und tatsächlich gibt es Situationen, in denen es klüger ist, nicht sofort etwas zu sagen. Du musst als Führungskraft nicht auf jede Nachricht reagieren und jede Diskussion kommentieren – und auch Du musst nicht rund um die Uhr erreichbar sein. Führungskräfte brauchen Urlaub und Erholung.

Doch manchmal wirkt Schweigen nicht mehr souverän, sondern verunsichert. Dann braucht es ein Wort, das Orientierung gibt.

Wenn Führung sichtbar werden muss

Wie lange darfst Du als Führungskraft schweigen? Und wann wird aus berechtigter Zurückhaltung schädliche Abwesenheit?

Die jüngste Diskussion um Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt, wie unterschiedlich diese Frage beantwortet werden kann. Merz hatte sich Ende Juli in die Sommerpause verabschiedet und über mehrere Wochen keine öffentlichen Termine wahrgenommen. Gleichzeitig gab es unter anderem eine extreme Hitzewelle, schwere Waldbrände in Nordrhein-Westfalen und einen Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig. Während das Kanzleramt betonte, dass der Kanzler informiert blieb und sich bei Bedarf einschaltete, wurde aus Teilen der Opposition und in der öffentlichen Berichterstattung die Frage gestellt, warum von ihm so wenig öffentlich zu hören und zu sehen war.

Ob diese Kritik berechtigt ist, muss jeder selbst beurteilen. Interessant ist die dahinterliegende Führungsfrage: Wann musst Du sichtbar werden – und wann darfst Du bewusst schweigen?

Denn gute Führung bedeutet nicht, immer präsent zu sein. Aber sie bedeutet, ein Gespür dafür zu haben, wann deine Stimme gebraucht wird.

Vertrauen macht Schweigen möglich

Ob Dein Schweigen als souverän oder problematisch wahrgenommen wird, hängt auch vom Vertrauen in Dich als Führungskraft ab.

Wenn Deine Mitarbeitenden wissen: Meine Führungskraft hat die wichtigen Dinge im Blick. Sie vertraut ihrem Team. Und wenn es darauf ankommt, ist sie da, dann kannst Du auch bewusst nicht sichtbar sein. Gute Führung bedeutet dann, Verantwortung abzugeben und einer Stellvertretung die Chance zu geben, sich zu bewähren.

Ist das Vertrauen dagegen brüchig, wird Schweigen schnell anders interpretiert: Hat sie die Situation noch im Griff? Interessiert sie das überhaupt? Sind wir auf uns allein gestellt?

Deshalb gibt es keine einfache Regel: In Krisen muss die Führungskraft immer selbst sprechen. Entscheidend ist vielmehr, ob die Menschen auch in Deiner Abwesenheit darauf vertrauen können, dass jemand Verantwortung übernimmt.

Vier Situationen, in denen dein Wort wichtig sein kann

  1. Bei einer Krise oder einem außergewöhnlichen Vorfall

Ein schwerer Unfall, ein gravierender Konflikt, ein Todesfall oder ein massiver Fehler können Menschen und Organisationen erschüttern. Hier kann Dein persönliches Wort Halt geben: Ich sehe, was passiert. Ich übernehme Verantwortung. Wir kümmern uns darum.

  1. Wenn Deine Organisation öffentlich unter Druck gerät

Schweigen und fehlende Einordnung können Raum für Spekulationen schaffen. Du musst nicht vorschnell Antworten liefern. Manchmal reicht ein kurzes Signal: „Wir kennen die Vorwürfe, nehmen sie ernst und werden uns nach sorgfältiger Prüfung dazu äußern.“

Nicht die Länge Deiner Stellungnahme ist entscheidend, sondern das Signal: Wir ducken uns nicht weg.

  1. Wenn eine Entscheidung besondere Symbolwirkung hat

Manche Entscheidungen zeigen, wofür deine Organisation steht. Bei relevanten, nicht aufschiebbaren Fragen kann es deshalb wichtig sein, dass Du selbst Verantwortung übernimmst und Deine Haltung deutlich machst. Idealerweise hast Du eine Stellvertretung, die solche Situationen auch ohne Dich führen kann.

  1. Wenn Menschen Orientierung brauchen

Als Führungskraft bist Du nicht nur Entscheider, sondern auch Orientierungsgeber. Gerade wenn Mitarbeitende unsicher sind, kann ein kurzer persönlicher Satz viel bewirken. Manchmal brauchen Mitarbeitende zunächst nicht die Lösung, sondern die Gewissheit, mit ihren Sorgen gesehen zu werden.

Und wenn Gott schweigt?

Vielleicht kennst Du diese Erfahrung auch aus Deinem Glauben: Du betest – und hörst keine Antwort. Du suchst Orientierung – und bekommst keine eindeutige Richtung. Du wünschst Dir Gottes Eingreifen – und erlebst stattdessen Schweigen.

Die Bibel verschweigt diese Erfahrung nicht. Besonders eindrücklich ist Hiob. Er erlebt Leid und Gottes scheinbare Abwesenheit und fragt immer wieder nach dem Warum. Lange Zeit bekommt er keine Antwort.

Dabei wäre es zu einfach, Gottes Schweigen mit persönlicher Schuld zu erklären. Die Bibel kennt zwar den Gedanken, dass Sünde unsere Beziehung zu Gott beeinträchtigen und unser Hören erschweren kann (vgl. Jes 59,2). Aber Hiob macht deutlich: Nicht jedes Schweigen Gottes ist eine Folge persönlichen Versagens.

Und doch hält Hiob an Gott fest. Er klagt, fragt und ringt mit ihm. Sein Glaube besteht nicht darin, alles zu verstehen, sondern trotz der offenen Fragen an Gott festzuhalten.

Vielleicht liegt darin auch eine Parallele zu Deiner Führung.

Schweigen braucht Vertrauen

Gute Führung bedeutet nicht, immer etwas sagen zu müssen. Wenn du zu jeder Situation sofort Stellung nimmst, kannst Du damit auch Unsicherheit erzeugen. Manchmal ist es klüger, zuzuhören, Informationen zu sammeln oder anderen Raum zu geben.

Aber Dein Schweigen sollte niemals mit Gleichgültigkeit verwechselt werden können. Gute Führungskräfte haben ein Gespür dafür, wann ihr Schweigen Menschen verunsichern könnte – und wann ein hilfreiches Wort ihnen Orientierung geben kann.

Und vielleicht gilt das auch für deinen Glauben: Du wirst nicht immer verstehen, warum Gott schweigt. Aber Du darfst darauf vertrauen, dass sein Schweigen nicht bedeutet, dass er nicht da ist.

Tobias Benjamin Ottmar

Foto: Tobias-B. Ottmar

Über den Autor

Tobias-Benjamin Ottmar ist dankbar über Kollegen, die bei Abwesenheit Verantwortung übernehmen und ein Gespür dafür haben, wann er doch einbezogen werden sollte.

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Tobias-Benjamin Ottmar ist dankbar über Kollegen, die bei Abwesenheit Verantwortung übernehmen und ein Gespür dafür haben, wann er doch einbezogen werden sollte.